Der Erfolg ist da, die Zuschauer aber nicht

18.10.2018
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Nils Nettersheim holt beim Elfmeter aus – und auf der Gegengeraden im Bremenstadion schauen gerade einmal acht Zuschauer zu. Ein Bild mit Symbolcharakter beim TuS Ennepetal. (Foto: Marinko Prša)

Gerade einmal 179 Zuschauer verfolgen die Spiele des aktuell erfolgreichen TuS Ennepetal in der Fußball-Oberliga. Thomas Riedel kennt die Gründe.

Alexander Thamm ruft, gestikuliert, geht mit seinen Spielern einzelne Situationen durch. Diese versuchen, die Forderungen ihres Trainers so gut es geht umzusetzen, gerade an den ersten zehn Spieltagen der neuen Saison gelingt dies dem Fußball-Oberligisten TuS Ennepetal ziemlich gut. 18 Punkte nach zehn Spielen führen zu Platz vier, im Bremenstadion wird nach Jahren des Abstiegskampfes in dieser Spielzeit Fußball auf einem anderen Niveau gespielt. Das einzige Problem: Es sieht kaum einer.

179 Zuschauer pro Partie weist das Ergebnisportal fussball.de für die Heimspiele des TuS in der Oberliga Westfalen aus, womit die Ennepetaler knapp 200 Zuschauer unter dem ligaweiten Durchschnitt von 373 Gästen liegen. „Wir stehen da nicht viel besser oder schlechter da als die anderen“, sagt der Sportliche Leiter des TuS, Thomas Riedel. Das jedoch widerlegen die Zahlen, die in dem Onlineportal für die Liga hinterlegt sind. Dort wird der aktuelle Tabellenvierte nur auf dem drittletzten Platz geführt.

„Die gucken dann lieber Hannover“

Doch der Blick auf das Tableau in puncto Zuschauerschnitt zeigt auch, dass es nur wenigen Vereinen in der westfälischen Beletage deutlich besser geht als dem TuS. Die Zahlen sind jedoch mit Vorsicht zu interpretieren, schließlich haben einige Vereine schon attraktive Lokalderbys gespielt, beispielsweise sorgte das Hammer Derby zwischen Spielvereinigung und Rhynern mit 2530 Gästen für den bisherigen Zuschauerrekord.

Thomas Riedel ist bekannt dafür, dass er gerne auch mal über den Tellerrand hinaus guckt und das große Ganze betrachtet. „In diese Richtung geht es ja seit Jahren bei den Amateurvereinen. Warum sollten wir da eine Ausnahme bilden?“

Tatsächlich ist die Multiplikation der vielen Fußball-Übertragungen im TV und Internet mit dafür verantwortlich, dass immer weniger Menschen bei den niederklassigen Klubs am Spielfeldrand stehen. Bundesliga, Premier League, La Liga, Champions League oder seit neustem auch die Nations League der Nationalteams – ein Überangebot macht sich bemerkbar. Nicht umsonst fragen sich viele Experten inzwischen, ob sich der Sport durch seine Omnipräsenz selbst obsolet macht.

„Wir sehen das ja bei uns im Jugendtraining, da laufen Kinder mit Trikots von all möglichen Vereinen herum, nicht nur von den deutschen Teams“, sagt Thomas Riedel. Früher, so erinnert sich der Sportliche Leiter, war es ein Höhepunkt als Jugendspieler, sich am Sonntag die Spiele der ersten Mannschaft anzuschauen. Heute, so berichtet er aus eigener Erfahrung, bleiben selbst die Spieler der Reserve, die direkt im Vorfeld der Oberliga-Truppe spielt, nur selten für das ganze Spiel der Erstvertretung am Platz. „Die gehen dann in der Halbzeit und gucken Hannover“, sagt Riedel.

Rivalität ist immer noch präsent

Doch wo bleiben die Zuschauer? Und was bieten die Vereine selbst, um die Attraktivität der eigenen Heimspiele zu steigern? „Da wurde schon vieles an- und durchdacht, einige Sachen auch umgesetzt. Ich glaube aber nicht, dass wir mit unseren Ideen die Massen hinterm Ofen herlocken können“, schildert Riedel. Die Bemühungen, die Ennepetaler ins Bremenstadion zu holen, erstrecken sich dabei auf besondere Angebote für Ehrenamtliche oder Helfer beim Spax-Cup.

Ein Ansatz in die richtige Richtung, doch damit einen Fußballfan zu überzeugen, sich statt Manchester United gegen Chelsea lieber Ennepetal gegen Gievenbeck anzusehen? Schwierig – das weiß auch Riedel, der sich mehr Unterstützung von den Verbänden erhofft.

Ein weiterer ortsspezifischer Aspekt ist die Rivalität, die unter den fünf Ennepetaler Fußballvereinen herrscht. „Da geht keiner zum anderen mal gucken, das war aber schon immer so“, sagt Riedel. Die Zeiten aus den 1980er-Jahren, als er selbst noch beim VfB Schwelm in der Landesliga aktiv kickte und nur ganz selten weniger als 400 Zuschauer am Brunnen waren, sind schlichtweg vorbei, wenn es nach ihm geht. „Ich habe da die Illusion verloren. Zu den Highlight-Spielen bekommt man die Massen vielleicht noch mobilisiert, aber auf Dauer sehe ich da keine große Besserung.

Derby am Sonntag

Und das, obwohl der TuS in dieser Saison eine außerordentlich gute Rolle in der fünfthöchsten deutschen Klasse spielt. „Wir laufen aufgrund der bisherigen Saison mit breiter Brust durch die Gegend“, sagt Riedel. So freut er sich auch besonders auf das Derby am kommenden Sonntag, wenn die TSG Sprockhövel ins Bremenstadion kommt. Dann ist auch wieder mit etwas mehr Zuschauern zu rechnen.

Thamm ist weiter gierig auf Punkte

Als gebürtiger Hattinger ist das Duell mit der TSG Sprockhövel für TuS-Trainer Alexander Thamm ohnehin etwas besonderes. Vor ein paar Wochen entdeckte er beim Blick aus dem Küchenfenster der Wohnung seiner Mutter dann einen weiteren Berührungspunkt mit dem kommenden Gegner des Tabellenvierten: TSG-Trainer Andrius Balaika ist der Nachbar seiner Eltern. „Das ist schon ein lustiger Zufall“, sagt Thamm.

Es passt ins Bild, denn auch die beiden Vereine der Übungsleiter sind mehr oder weniger Nachbarn in der Fußball-Oberliga. Thamm kennt als Neu-Ennepetaler entsprechend auch die Brisanz und den Reiz, die solche Derbys mit sich bringen. „Ich will das aber nicht überinterpretieren. Wir sind einfach weiter gierig auf die nächsten drei Punkte, da haben wir am Sonntag die nächste Chance zu. Da ist es mir fast egal, gegen wen es geht“, sagt der seit diesem Sommer zuständige Mann an der Seitenlinie beim TuS.

Thamm hofft vor allem darauf, dass einige Zuschauer mehr als zuletzt den Weg ins Stadion finden und sich ein Bild vom TuS machen. „Wir lehnen uns jetzt nicht zurück, weil wir schon 18 Punkte haben“, verspricht er. Die Freude ist groß, die Hoffnung auf ein gutes Spiel gegeben. „Beide Teams haben großes Potenzial im Kader. Da kannst du dich nicht nur auf einen Spieler konzentrieren“, weiß der 35-Jährige.


Quelle: Westfalenpost EN-Südkreis

Die Lokalredaktion für den EN-Südkreis mit den neuesten Meldungen aus Schwelm, Gevelsberg und Ennepetal.

Autor: Fabian Vogel

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